Leseprobe

aus dem Buch „Pflaumen im Apfelhimmel”

Ein tief religiöser Räuber litt erbärmlich unter der Tatsache, dass er den Menschen das Geld aus der Tasche zog. Es grämte ihn, dass er ihnen bis in die Schlafstuben nachstellte, wo sie ihre Geldstrümpfe verborgen hielten.

„Wie soll ich dereinst mit meinen Sünden vor Gott treten?“ fragte er seinen Pfarrer.

„Am besten überhaupt nicht,“ antwortete der Gottesmann. „Lass ab von deinem Tun, lege dir eine Bibel zu und ein paar Schichten Buße ein, dann sehen wir weiter.“

Der Räuber heulte auf wie ein getretener Hund.

„Wie soll ich das machen?! Das Geschäft läuft prima und ich habe nichts anderes gelernt.“

Hochwürden kam in Bedrängnis ob der Logik.

Der Räuber flehte: „Gibt es denn von deinem Gott wirklich keinen kleinen Trost für mich, ein Liliput-Sakrament, das meine Seele säugt, oder wenigstens eine Art Kellersegen für Untergründler wie mich? Siehe, o du Waffengefährte der Redlichkeit und Milde,” lechzte er, „wenn mich morgen der Schlag trifft oder der Golfschläger eines wirschen Raubopfers, wäre ich doch eine lächerlich leichte Beute für den Finstermann.“

Hochwürden kam ins Taumeln ob der fürchterlichen Konsequenz. „O du von Nichtsnutzigkeiten wie mir überlasteter Sachwalter der Unendlichkeit“, robbte sich der Profi-Gestrandete weiter vor, „sieh her, hier ist etwas für die armen Seelen und dein Chorgestühl, das schon zu Sangeszeiten meiner seligen Mutter ein nur noch in Umrissen existierender Rest vom Appetit des Holzwurms war.“ Dabei legte er eine beträchtliche Summe hin; weil doch das Geschäft gerade so gut ging.

Hochwürden kam ins Schleudern ob des Holzwurms.

Schnell griff er nach den Scheinen, damit sie der Wind nicht verwehe. Nach einer halb theologischen, halb praktischen Joggingrunde durch den Hindernispark seiner Möglichkeiten richtete er den Blick hoch über das Chorgestühl hinweg in den Himmel mystischer Unbetretbarkeiten. Dann legte er dem Räuber die Hand auf den Schuppenschädel, segnete eine Zeitlang heftig an ihm herum und sprach sodann: „Elender, auch für Dich leuchtet ein Licht. Sei ab jetzt ein Werkzeug des Herrn, wenn er in seiner Güte jemandem eine erzieherische Abreibung zukommen lassen muss.“

Irgendwer soll in der folgenden Neumondnacht aus dem Nachttisch des Pfarrers einen erstaunlich hohen Betrag gemopst haben. Man weiß aber nichts Genaues darüber.

Es war einmal eine kleine Pfütze. Sie war von fröhlicher Gesinnung und fürchtete sich nur vor der Sonne. Wir freundeten uns trotz unserer Verschiedenheit ein wenig an.

„Grüß Gott!“ sagte sie zu mir, und ich konnte nicht umhin, das als ungewöhnlich zu empfinden. Bereit, sofort meiner Wege zu gehen, falls sie mich nur hätte narren wollen, fragte ich, wie sie darauf käme. Statt einer Antwort nahm die kleine Pfütze alle Kraft zusammen und spiegelte mir die ganze Weite des Himmels.

Wir führten lange Gespräche über ihren Vater, den Regen, und auch darüber, dass sie sich vor der Sonne fürchtete. Vielleicht ist es mir gelungen, ihr diese Furcht zu nehmen. Sie wurde sehr nachdenklich, als ich ihr von der Weite des Meeres erzählte, vom Spiel seiner Fische und der glitzernden Freude in den Falten seines Angesichts. Ich erzählte auch, dass das Meer die Heimat und Geborgenheit aller Pfützen der Welt sei und alles Leben der Erde aus der Sonne käme; auch das Leben der Pfützen.

Als der Abend aus dem Osten herbeieilte, als hätte er ein Rendezvous verschwitzt, stolperte er fast über die kleine Pfütze und mich. Wir waren so versunken in unserem wortlosen Gespräch, dass wir zu einem Teil der Landschaft geworden waren, die uns umfangen hielt.

Als ich einige Tage später wieder vorbeikam an der Wohnmulde meiner kleinen Freundin, las ich in der über den Gräsern flirrenden Sonnenluft ihre Nachricht: „Du hast meine Sehnsucht geweckt. Als die Sonne mich umarmte, konnte ich nicht widerstehen und tanzte mit ihr empor zu den Pfaden der Wildgänse, die mir den Weg zeigen werden zum Meer. Komm bald! Und vergiss nicht – Grüß Gott!“