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Gedichte und Aphorismen
aus dem Buch "Die zweite Saite" mit freundlicher Genehmigung des Echter-Verlags

Poesie

Poesie ist die zarteste Feder
aus dem Flaum des Phoenix,
das Genie der Schönheit und der
Lichthauch in allen Taten,
Dingen und Worten,
die über ihren eigenen
Zweck hinausweisen.
Sie ist das fühlende Schweigen
zwischen den Zellen
alles Lebendigen.
Poesie feiert Zwischenräume
und entzündet in den
Katakomben des Blutes
ein tröstendes Licht.
Sie ist das Leben in der
Prallheit eines Früchtekorbes
und die Geschichte in den
Falten eines alten Angesichts.
Gleich der Taube Noahs,
die den Ölzweig bringt, ist
Poesie immer ein neuer Anfang,
der die Lebenden ins Leben ruft
und den Toten Nachricht ist
von der unfehlbaren Heimkehr in
die guten Arme der Zeitlosigkeit.

 

Überflüssige Information raubt die Besinnung.


Lärm suspendiert das Hören vom Dienst.



Solange wir den Schein höher schätzen als Licht,
suchen wir Scheinwerfer statt Erleuchtete.



Leben ist atmende Ordnung.
Ordnung ist erinnerte Liebe.



Die Vergötterung des Intellekts
kann zum Kollaps des Herzens führen,
bildlich und buchstäblich.


Wer mit dem Herzen lächelt, ist in Kontakt.


Je seltener meine Seele lächelt,
desto mehr kommt mein Körper in Bedrängnis.


Liebenswürdigkeit segnet.


Jeder kann segnen - durch Worte, durch die Art
eines Blicks, durch Handeln und durch Dankbarkeit.


Freude ist das Lichtfeld
anwesender Engel.




Wenn Glaube nicht aufbaut,
von Angst befreit und menschlicher macht,
hat man sich vielleicht in einer Religion verheddert.



Nur Glaube, der spirituelle Wachheit einschließt,
bewahrt vor einem Archiv unbeantworteter Gebete.



Liebende sind das Wertvollste,
das eine Zivilisation hervorbringen kann.


Ein Standpunkt ohne Verantwortung
ist nur ein Vorwand für Gemeinheiten.



Zärtlichkeit ist ein Versprechen der Ewigkeit,
dass das Zeitliche nicht vergebens ist.


Güte ist gereifte Dankbarkeit.

Zwischenspiel

Lass nicht zu,
dass dich
schlechte Gedanken
einfangen,
weise zurück,
was dich vergiftet
und meide
alles Zynische.
Baue an deinem
inneren Tempel
als Quellort
der Harmonie
und bewohne ihn.
Die Zeit reift rasant.
Große Hilfen
stehen bereit.
Viele fühlen,
dass ein Bruch
auf dem Weg ist.
Jeder von uns
bestimmt für sich,
ob der Bruch
zum Abbruch wird
oder zum Aufbruch
ins Licht.

Von einem Hirn, das auszog

Ein Hirn hatte es unverhohlen
satt und schlich auf leisen Sohlen
rücksichtslos am Tagungsort
aus eines Redners Birne fort.
Es entfloh des Denkers Haupte
just, als der zu denken glaubte.
Wie ein Ohrenzeuge schwört,
hat dies die Rede nicht gestört.
Nun wallte es und schwebte hie
so bürdenfrei und leicht wie nie
als leibbefreiter Freudentanz
ambulanter Denksubstanz.
Der Herr, der nun des Hirnes bar,
nahm die Entfleuchung gar nicht wahr,
und rackerte jetzt gar geschickter
und entschieden unbedrückter.
Da vom Denken unversehrt,
ward er sehr bald hochgeehrt,
erhaben über Selbstkritik
ein großer Mann der Politik.


 

DIE PFÜTZE
aus dem Buch "Pflaumen im Apfelhimmel" von Peter Horton

Es war einmal eine kleine Pfütze. Sie war von fröhlicher Gesinnung und fürchtete sich nur vor der Sonne. Wir freundeten uns trotz unserer Verschiedenheit ein wenig an.


"Grüß Gott!" sagte sie zu mir, und ich konnte nicht umhin, das als ungewöhnlich zu empfinden. Bereit, sofort meiner Wege zu gehen, falls sie mich nur hätte narren wollen, fragte ich, wie sie darauf käme. Statt einer Antwort nahm die kleine Pfütze alle Kraft zusammen und spiegelte mir die ganze Weite des Himmels.

Wir führten lange Gespräche über ihren Vater, den Regen, und auch darüber, dass sie sich vor der Sonne fürchtete. Vielleicht ist es mir gelungen, ihr diese Furcht zu nehmen. Sie wurde sehr nachdenklich, als ich ihr von der Weite des Meeres erzählte, vom Spiel seiner Fische und der glitzernden Freude in den Falten seines Angesichts. Ich erzählte auch, dass das Meer die Heimat und Geborgenheit aller Pfützen der Welt sei und alles Leben der Erde aus der Sonne käme; auch das Leben der Pfützen.


Als der Abend aus dem Osten herbeieilte, als hätte er ein Rendezvous verschwitzt, stolperte er fast über die kleine Pfütze und mich. Wir waren so versunken in unserem wortlosen Gespräch, dass wir zu einem Teil der Landschaft geworden waren, die uns umfangen hielt.


Als ich einige Tage später wieder vorbeikam an der Wohnmulde meiner kleinen Freundin, las ich in der über den Gräsern flirrenden Sonnenluft ihre Nachricht:
"Du hast meine Sehnsucht geweckt. Als die Sonne mich umarmte, konnte ich nicht widerstehen und tanzte mit ihr empor zu den Pfaden der Wildgänse, die mir den Weg zeigen werden zum Meer.
Komm bald! Und vergiss nicht - Grüß Gott!"


DER FROMME RÄUBER
aus dem Buch "Pflaumen im Apfelhimmel" von Peter Horton

Ein tief religiöser Räuber litt erbärmlich unter der Tatsache, dass er den Menschen das Geld aus der Tasche zog. Es grämte ihn, dass er ihnen bis in die Schlafstuben nachstellte, wo sie ihre Geldstrümpfe verborgen hielten.


"Wie soll ich dereinst mit meinen Sünden vor Gott treten?" fragte er seinen Pfarrer.
"Am besten überhaupt nicht," antwortete der Gottesmann. "Lass ab von deinem Tun, lege dir eine Bibel zu und ein paar Schichten Buße ein, dann sehen wir weiter."
Der Räuber heulte auf wie ein getretener Hund.
"Wie soll ich das machen?! Das Geschäft läuft prima und ich habe nichts anderes gelernt."
Hochwürden kam in Bedrängnis ob der Logik.


Der Räuber flehte: "Gibt es denn von deinem Gott wirklich keinen kleinen Trost für mich, ein Liliput-Sakrament, das meine Seele säugt, oder wenigstens eine Art Kellersegen für Untergründler wie mich? Siehe, o du Waffengefährte der Redlichkeit und Milde,” lechzte er, „wenn mich morgen der Schlag trifft oder der Golfschläger eines wirschen Raubopfers, wäre ich doch eine lächerlich leichte Beute für den Finstermann."


Hochwürden kam ins Taumeln ob der fürchterlichen Konsequenz.
"O du von Nichtsnutzigkeiten wie mir überlasteter Sachwalter der Unendlichkeit", robbte sich der Profi-Gestrandete weiter vor, "sieh her, hier ist etwas für die armen Seelen und dein Chorgestühl, das schon zu Sangeszeiten meiner seligen Mutter ein nur noch in Umrissen existierender Rest vom Appetit des Holzwurms war." Dabei legte er eine beträchtliche Summe hin; weil doch das Geschäft gerade so gut ging.


Hochwürden kam ins Schleudern ob des Holzwurms.
Schnell griff er nach den Scheinen, damit sie der Wind nicht verwehe. Nach einer halb theologischen, halb praktischen Joggingrunde durch den Hindernispark seiner Möglichkeiten richtete er den Blick hoch über das Chorgestühl hinweg in den Himmel mystischer Unbetretbarkeiten. Dann legte er dem Räuber die Hand auf den Schuppenschädel, segnete eine Zeitlang heftig an ihm herum und sprach sodann: "Elender, auch für Dich leuchtet ein Licht. Sei ab jetzt ein Werkzeug des Herrn, wenn er in seiner Güte jemandem eine erzieherische Abreibung zukommen lassen muss."


Irgendwer soll in der folgenden Neumondnacht aus dem Nachttisch des Pfarrers einen erstaunlich hohen Betrag gemopst haben. Man weiß aber nichts Genaues darüber.

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