Zeitungskritik Speyer 24.9.2012

Gepostet am Sep 28, 2012

Zeitungskritik: „Rheinpfalz“, am 24.9.2012

In klassischer Tradition: „Guitarissimo XL“ spielt beim Gitarrensommer im ausverkauften Alten Stadtsaal. (Von Rainer Köhl)

In den 80er Jahren hatte das Duo aus Sigi Schwab und Peter Horton seine große Zeit. Jetzt sind die Musiker wieder zurück auf den Konzertbühnen und erfreuen – mit Verstärkung – die Gitarrenfans: „Guitarissimo XL“ hat am Freitagabend beim Speyerer Gitarrensommer im ausverkauften Alten Stadtsaal gastiert.

Keine Frage: Schwab und Horton rekrutieren jederzeit eine große Fangemeinde, die feine Gitarrenkünste zu schätzen weiß. Tommi Müller an der elektrischen Bassgitarre und Andreas Keller am Schlagzeug vervollständigen das Quartett.

Ja, auch die beiden Rhythmusleute sind integraler Bestandteil eines klar abgezirkelten, klassischen Verlaufsbildes. Das zeigte sich nicht zuletzt in Bach-Adaptionen: da wurde das Quartett zu einem ganz und gar klassischen Ensemble, das in spielerischer Heiterkeit und Gelassenheit die melodischen Kontrapunkte ineinander verschränkt. Das Schlagzeug, dezent mit den japanischen Besen getupft, hatte ebenso präzisen Anteil an den melodisch-rhythmischen Verläufen wie der melodisch gezupfte E-Bass.

Dass Horton auch ein feiner Chansonnier ist, wurde immer wieder deutlich. So interpretierte er nicht nur das Chanson „Feuilles mortes“ in sanftem Sprechgesang und solistischer Gitarrenbegleitung, bei der er das Herbstlaub in tremolierenden Klängen wie vom Wind aufwirbeln ließ. Auch sein lakonisch gesprochenes Gedicht „Ein Mann geht auf dem Asphalt“ fand beste Begleitung in einem minimalistischen Gitarren-Groove, entspannt verwoben und bluesig angehaucht.

Den Opfern der Kriege widmete Schwab sein „Lost generations“ auf der zwölfsaitigen Gitarre gedankentiefe Musik, fantasiereich ausgebreitet über einem gleichbleibenden Bassmodell. In den Variationen klang seine Gitarre wie ein ganzes Orchester in der Verschränkung von Motiven und Rhythmen, Farben und Stimmungen. Auch in der „Ballade für Anna“ des Ludwigshafeners waren Fantasie und klassische Schönheit stilvoll ineinander verwoben.

Vom Wiener Humor und Sinn für Selbstironie geprägt ist Hortons Komposition „Countdown oder Start der ersten österreichischen Mondrakete“. Vom vergnügten Fingerpicking begleitet, wurde der Countdown heruntergezählt, doch viel tat sich nicht – das lustige Kreisen mit Bodenhaftung ging immer weiter. Längst nicht nur auf vergebliche Mondreisen ging’s im Programm, in ferne Länder entführten Melodien und Rhythmen genauso gerne. Da ließ Schwab seine Gitarre dunkel sonor wie eine orientalische Oud klingen, und Keller trommelte indische Rhythmen virtuos auf ein Abflussrohr.